Kreativmodelle & Diskursplattformen als Motor der Stadtentwicklung
Die „Kreative Stadt" ist derzeit ein Topos, der nicht nur Kultur- und Sozialwissenschaften, Innovationsforschung und Stadtplaner beschäftigt, sondern auch Politiker, Kulturakteure und selbstverständlich Marketingfachleute. Denn dieser Terminus bezieht sich gleichermaßen auf Orte von Design, Medien, Kunst, Mode- und Filmbranche wie auch auf die Wissenschaften. Die Stadt als Ort der Kreativität, als Ort, an dem soziale, kulturelle, künstlerische, technische und wissenschaftliche Neuerungen entstehen oder verhandelt werden, ist damit ein hochaktuelles Thema. Ein Thema, das auch in Augsburg Stadtgesellschaft und Politik beschäftigen sollte, weil es die Zukunftsfähigkeit einer Stadt betrifft.
Kreativquartiere & Partizipationsprozesse
Kreative Milieus, um den angeberischen Begriff der „creative industries" zu vermeiden, werden für die kommunale Ökonomie, für das städtische Image und die Diskussion um zukunftsfähige Potentiale zunehmend ernst zu nehmende Partner. Nicht zufällig sind diese Orte der Kreativität bzw. der „Kreativen" städtische Räume, die über Jahrzehnte von der Stadtentwicklung ausgegrenzt oder nicht beachtet wurden. Orte der urbanen Brache, von Zwischennutzungsoptionen, von Bauten, die nicht ins Raster der Immobilienverwertung passen. In Augsburg hat sich diese Entwicklung in den letzten 10 Jahren auf dem ehemaligen amerikanischen Kasernengelände des Reese-Areals angebahnt und mit der Gründung des Kulturpark West 2007 endgültig festgesetzt. Kleinere kreativwirtschaftliche Experimente am Rande des brachliegenden Textilviertels oder im Alten Hauptkrankenhaus am Rande der „inner city" konnten sich nicht durchsetzen, weil die Basis zu klein war und der Focus der Stadtentwicklung woanders lag. Das könnte sich in der Nachfolge zum Prozess im Westen der Stadt und im Diskurs um das kulturelle Profil der Innenstadt jedoch ändern.
Beim Kreativareal im Augsburger Westen trafen drei Entwicklungen aufeinander, die sich ergänzten und eine politische Umsetzung real erscheinen ließen: beharrliche und intelligent konzipierte Initiativen der Kultur- und Kunstszene trafen auf einen Zwang der Stadtpolitik, sich dieses Areal für die Zukunft anzuverwandeln und dabei so etwas wie eine Vision zu entwickeln, und drittens war da eine kreative Vernetzung von politischen Entscheidungsträgern mit Kulturakteuren, die auf dem gleichen Level denken und agieren konnten. Diese Konstellation war neu für die Stadt. Für wenige Jahre öffnete sich ein Zeitfenster, in dem man ganz schnell und durchdacht handeln mußte. Resultat war die private Gründung der gemeinnützigen Kulturpark West GmbH, die langfristige planerische Absicherung des städtebaulichen Areals und die Herstellung eines politischen Konsens in der Stadtgesellschaft. Unter dieser Voraussetzung konnte sich der Kulturpark innerhalb von zwei Jahren als Zentrum für „creative cultures" mit über 1500 dort residierenden Nutzern etablieren. Dieser Ort wirkt nun als Motor für die weitere kreativwirtschaftliche und kulturelle Dynamik. Das Know How der Kulturpark GmbH und das dort kumulierte „kreative Kapital" erfährt zunehmend Beachtung für planerische Entwicklung.
Nächste Schritte sind die Gründung einer „Dependance" in der Industriebrache „Ballonfabrik" am Riedinger Gelände im Augsburger Norden noch im Jahr 2010 sowie ein Nutzungskonzept für die ehemalige „Chapel" und das „Gebäude F116" im Sheridan Park, einem weiteren Konversionsareal. Unter Federführung der Kulturpark GmbH ist es gelungen, für die ehemalige Ballonfabrik eine weitere Kreativnutzung vorzubereiten, die vom alternativen, bürgerschaftlichen Kulturzentrum bis zu kreativen Bürogemeinschaften der Kulturwirtschaft das ganze Spektrum des „kreativen Milieus" bedienen kann. Im Sheridanpark kann ein Mix aus bürgerschaftlichen Ideenwerkstätten, partizipativer Quartierskultur und einem zukunftsweisenden Museumsmodell eine völlig neue Qualität des urbanen Alltags entstehen lassen. Textilviertel, Schlachthofgelände und das alte Depot am Senkelbach sind weitere „Bausteine", von der Achse Rote Torwallanlagen - Stadtmetzg -Stadtbad und ihrer Bedeutung für ein kulturelles Gesamtkonzept „Innenstadt" gar nicht zu reden. Es liegt alles ausgebreitet da und wartet auf Initiative, einen Plan, ein Modell oder wenigstens eine kommunale „Zukunftswerkstatt" mit Power.
Durch die Schaffung solcher „Innovations-Inseln" wird auch der Diskurs um die ewige Frage „Wem gehört die Stadt?" neu aufgerollt. Der Gedanke von Partizipation und „Do-It-Yourself" bleibt nicht länger plakative Forderung, sondern wird von den Kulturakteuren selbst eingelöst - jenseits von städtischer Zuschusspolitik und sozialpädagogischem Paternalismus. Die Stadtpolitik ist als Partner dieser Entwicklung vor allem im moderativen Sinn gefragt. Sie muss Infrastrukturpolitik, Stadtentwicklung, innovative Bildungsmaßnahmen und Kultur in einem neuen Vierklang denken und sich selbst im Umgang mit solchen kreativen Bürgerprojekten neu erfinden. Kommunale Verwaltung muss jenseits von persönlichen Befindlichkeiten und zufälligen Übereinstimmungen von Amt und Kompetenz zu einer verlässlichen Größe für solch zukunftsweisende Aktionen werden. Aber auch bürgerschaftliche Initiativen müssen sich vom Gedanken der städtischen oder staatliche n Allzuständigkeit lösen und intelligente, selbstorganisierte Initiativen gründen. Damit bekommt die Rede von der „creative city" für Augsburg endlich konkrete Sinnhaftigkeit, es wurde eine lokale Ausdrucks- und Verlaufsform gefunden, die unabhängig von kommunalpolitischen Konstellationen ein Modell für die Zukunft sein könnte.
Industrial Pop & Kreative Praxis
Dass dies nicht leere Parolen sind, beweisen gerade entstehende Diskursplattformen mit ausgesprochenem Realitätssinn - die Diskussion um die kulturelle Vielfalt und ihr Ausdrucksprofil in der Innenstadt verbindet sich mit der praktischen Kreativität der Akteure im aktuellen Diskurs um den Stellenwert urbaner Kulturen, die Rolle kultureller Bildung und die multikulturelle Öffnung von städtischen und privaten Einrichtungen. Unter dieser Perspektive wird das Potential industriekultureller Schätze enthistorisiert und auf die aktuelle Popdemokratie bezogen - die Ideen von „Augsburg Factory" und „PopCity" erhalten unter diesen Vorzeichen eine ganz neue Aktualität. Sie werden endlich praktisch! Und das Besondere an dieser Entwicklung ist die Befeuerung durch die Akteure selbst. Nicht die Politiker und die Verwaltung rufen die „Kreativmaschine Augsburg" auf - es sind die Netzwerker selbst, die hier Druck machen und die Herausforderung annehmen. Die Initiativen des Popkulturbeauftragten zur „Plattform Kreative Stadt", die Konzeptionierung von „urban cultures network" im Kulturpark West, die Projekte von „Mehr Musik!", von „MU-SE" und des Kultur & Schulservice Augsburg schaffen aktuell ein kreatives Reizklima, das sich sehr positiv auf den Diskurs um die Stadtentwicklung auswirken kann. Die Schnittstellen zwischen Industriemoderne (Gaswerk, Textilquartier, Schlachthof, Ballonfabrik, Bahnpark), Konversion von militärischer Nutzung zu ziviler Innovation und postmoderner Popkultur (Klubszene, Räume auf Zeit, Modular, LAB) sind offensichtlich. Eingriffe in die Stadtentwicklung im Sinne eines „guerilla culturing", einer Besetzung von Raum und Räumen mit Ideen, Projekten, Akteuren und Publikum sind der nächste Schritt.
LOFT/3TageFreieRäume/Aktion 11000/Oranger Raum/Muhackl und aktuell Jean Stein/Kapuzinergasse 15 lassen grüßen: Innovative Besetzung und Inszenierung freier Räume auf Zeit - nicht als Promogag, sondern als aktiver Eingriff in den öffentlichen Stadtraum. Die künstlerische Kreativität der in Kulturpark West, Ballonfabrik und anderen Enklaven arbeitenden Kulturakteure, Ideenproduzenten und Kunstaktivisten soll verstärkt im Stadtbild und der Stadtgesellschaft wahrgenommen und abgebildet werden. Auf Anregung der Kulturpark West gGmbH findet deshalb in Zusammenarbeit mit dem Popkulturbeauftragten (Stadt) und dem City-Manager (Private Immobilienbesitzer) eine konzertierte Aktion statt, die in den Diskurs um ein kulturelles Konzept für die Innenstadt integriert wird: RaumScouting, AktionsCasting, RaumInszenierung!
Leerstehende Geschäfte, Ladenlokale, Schaufenster, Betriebe oder Brachflächen sollen systematisch gesucht, kartiert und auf ihre Eignung für Kreativaktionen hin eingeschätzt werden. Den Eigentümern soll die kreative Zwischennutzung als und ordnungspolitische Fragen sollten schon im Vorfeld abgeklärt werden. Als Resultat soll eine „Leerstandkartierung" mit Nutzungsdauer und Nutzungsbedingungen stehen, die deutlich macht, wo im Stadtgebiet welche interessante Aktion im öffentlichen Raum stattfinden kann. Ähnlich dem „Interkulturellen Stadtplan" könnte über eine Website so ein „kreativer" Stadtplan entstehen, der sich dauernd verändert, als Fixpunkte aber bestehende Einrichtungen wie Galerien, Museen, Veranstaltungsorte aufweist. Eine Zusammenarbeit mit Medien wie dem a-guide oder der Neuen Szene wäre denkbar. Für die Objekte sollen Künstler/Gruppen etc. ausgewählt werden, welche Lust und Kompetenz haben, diese Räume auf Zeit auf der Basis der Betriebskostenübernahme zu bespielen, zu inszenieren, mit Installationen zu versehen oder einfach als Kreativtreff zu betreiben etc.. Dieser Prozess sollte in Form einer einfachen Kuratierung durch Kulturpark und Popkulturbeauftragten erfolgen, so dass die Immobilienbesitzer einen klaren Ansprechpartner bzw. eine kompetente Vermittlungs- und Kommunikationsinstanz haben. RaumInszenierung - Die Gestaltung der Räume ist völlig den Akteuren überlassen. Kulturpark, City-Management und Popkulturbeauftragter können technisch-organisatorische und öffentlichkeitswirksame Hilfestellung geben. Einen Schritt weiter geht die Idee vom Kreativ-Maschine -Mobil - Ein alter Stadtwerkegelenkbus kann als mobile Kreativbox die Connections zwischen Kulturpark, Ballonfabrik, Sheridanpark und der Innenstadt herstellen: Kreative kommen mit ihrem Programm an Plätze in der Stadt, das Publikum kann schauen, hören und/oder mitmachen, ausprobieren etc. Mit dieser Idee kann gleichzeitig der ursprüngliche Gedanke von „Modular" partizipativ, ganzjährig und vielfältig umgesetzt werden. Kunst und Kreativität nimmt Einfluss auf Stadtentwicklung und erhält einen neuen Stellenwert im Diskurs um „Kunst im öffentlichen Raum", gibt Antwort auf die aktuelle Frage „Wem gehört die Stadt?". Denkbar sind auch Land-Art-Aktionen auf Freiflächen im Textilviertel und natürlich alle Formen von StreetArt und GuerillaGardening sowie die „Besetzung" von Stadtteilläden.
Von der Stadtpolitik erfordert diese Ausrichtung eine völlig neue Herangehensweise. Es bedarf eines Masterplans „Augsburg 2020", in welchem Stadtplanung, Kultur- und Bildungsplanung mit Wirtschaftsförderung eine gemeinsame Vision beschreiben, sonst wird alles Stückwerk bleiben. Die Urbanen Kulturen werden ihre Nischen pflegen, industriekulturelle Potentiale werden verscherbelt, zerstört, dem Verfall preisgegeben und die Popkultur wird sich andere Spielwiesen suchen. Mehr können bürgerschaftliches Engagement und partizipative Innovation nicht anbieten als einen strukturellen „Baukasten" für die Zukunft unserer Stadt. Der Mut, die Risikobereitschaft und die Ideenvielfalt der kreativen Szene sind ein Pfund zum Wuchern. Da muss man schnell zugreifen.
Peter Bommas, April 2010