Wie Pop kann Augsburg sein?

Was populär ist, ist noch lange nicht Pop. Aber auch: Was Pop ist, muss nicht unbedingt populär sein. Populär ist, zumindest in Deutschland: Michael Schumacher, Thomas Gottschalk, Heidi Klum, Würstchen grillen und Bier trinken, Beachvolleyball, Musikantenstadl, Tagesschau, Sportschau und Wetten dass...? Aber im Unterschied zur populären Kultur, die zumeist Alltagskultur beschreibt und von daher sozial und lokal differenziert ist, ist Popkultur eine globalisierte Kultur und meint eine bestimmte Lebensweise. Als solche ist Pop genau das Gegenteil einer alltäglichen Kulturpraxis eines Großteils der Bevölkerung. Pop ist Mythos und Kult! Wer Pop ist, kann wie Madonna bekannt und/oder beliebt sein, oder aber, wie mancher Künstler einer subkulturellen Formation, nur als lokale, szenespezifische Größe existieren. Popkultur hat sich seit ihren Anfängen in den 60er Jahren - auch in Augsburg - im Spannungsfeld von Globalisierung und Lokalisierung entfaltet. Und das unterscheidet Popkultur wesentlich von allen anderen kulturellen Feldern, ob Hochkultur, Massenkultur oder eben populäre Kultur. Anders als diese beruht Popkultur auf einer unauflöslichen Verzahnung von Kunst und Kommerz und thematisiert damit eine Verbindung, die seit Beginn der 90er Jahre auch für die traditionell subventionierte Hochkultur zu einem brisanten Phänomen geworden ist: Pop existiert als Industrie, als Kultur und als Denkweise und enthält in dieser Mixtur jede Menge gesellschaftlichen Sprengstoff aber auch alle Möglichkeiten zur Synergie. Und damit sind wir bei der Idee zu "Augsburg Factory" als einer Begegnungsplattform von industriekultureller Moderne und popkultureller Postmoderne. Eine stadtkulturelle Vision, die freilich Mut zum Risiko, Spaß am Jonglieren und eine gewisse Vorstellungskraft benötigt.

Augsburg Factory

Dieser Idee liegt zugrunde die Etablierung eines öffentlichen Schau- und Aktionsraumes als "work in progress", ein Szenario, das lokale Ressourcen mit globalen Trends verbinden und vorhandene, aber unterentwickelte oder verschüttete kreative und räumliche Potentiale vor der Folie "Industriekultur" zur Geltung bringen soll. Industriekultur trifft Popkultur, creative urban cultures machen Augsburg Factory!
Postmoderne Popkunst von Design und Mode bis zu elektronischen Soundcollagen und theatralen Raumperformances, von Visual Kei bis StreetArt trifft auf Industriekultur der klassischen Moderne, die industrielle Revolution und ihre verbliebenen Artefakte reiben sich an künstlerischen Entwürfen fürs 21. Jahrhundert - lokale Originale stehen neben kreativen Kopien globaler Trends. Das Stichwort im Diskurs der Kulturwissenschaften dazu heißt "Glocalisation". Das Projekt "Augsburg Factory" bringt diese Entwicklung auf den Punkt, konkretisiert die Behauptung einer "creative city" und bringt den Standortfaktor "Pop" in Stellung. Wesentlich umfassender, zielgerichteter und nachhaltiger als der zuletzt in der Stadt geführte Diskurs über "Pop-City". Augsburg Factory ist ein Programm für die Zukunft der Stadtgesellschaft, Pop kann der Motor sein für die ökonomische, künstlerische und räumliche Etablierung dieser Vision.

Laufsteg: Vom Scouting zum Casting

Die beschriebene Idee eines "work in progress" erfordert somit ein intensives, an den popkulturellen Nischen der Stadt ausgerichtetes Suchverfahren, einen Prozeß der Entdeckung und Enttarnung, was die Szene der popkulturellen "creative cultures" in der Stadt angeht. Dieses Aufspüren der interessanten, subversiven, visionären, grenzüberschreitenden Kunstformen sollte szenenah und unkonventionell erfolgen: Scouting! Damit einher gehen sollte auch die Inventarisierung der kulturwirtschaftlichen Bedeutung dieser Szenerie und der Konnex zur Wirtschaftsförderung - Pop als Wirtschaftsfaktor!
Es muß eine durch szenekompetente Akteure in Gang gesetzte Bestandsaufnahme stattfinden, die das vorhandene kreative Potential sichtbar macht und bei diesem Prozess des "Aufzeigens" schon Kreativität und ihre Akteure praktisch zur Anschauung bringt. Eine Maßnahme, die das Risiko von Kitsch, Dilettantismus und des Scheiterns nicht scheut: Öffentliches Casting!
Die Stadt öffnet sich und gibt den Platz/Raum für eine Selbstdarstellung der kreativen Akteure und Einrichtungen, bietet eine Andockstation, bei der kreative Szene und industriekulturelles Alleinstellungsmerkmal eine attraktive Liason eingehen können. Startup könnte 2009 räumlich wie zeitlich die Eröffnungsphase des TIM und seines städtebaulichen Umfeldes in der ehemaligen AKS sein: Scouting und Casting münden im Herbst 2009 in die Aktion LAUFSTEG - ein öffentlicher Schauraum im Industrieambiente. Eine kreative Nutzung von Teilen des Textiviertels auf Zeit könnte zur Präsentation der Umnutzungspläne passen.

Vergleichbar den Modalitäten bei "3 Tage freie Räume" oder "Rampe 3" könnten ohne strenge Kuratierung alle aufgerufenen Kreativen den Eröffnungszeitraum des TIM für Aktionen, Ausstellungen, Installationen, Modeschauen, Workshops, Inszenierungen etc. nutzen und für zwei Wochen "Augsburg Factory" zeigen. Dabei sollte auch die Einbindung von ausgewählten, zum Ereignis passenden und den Diskurs um die "creative urban cultures" vorantreibenden Aktionen und Projekte hochkultureller Partner gehören - z.B. die experimentelle, theatrale Bespielung eines Quartiers, eines industriekulturellen Raumes oder die musikalische Installation einer "Raumoper" oder eines "Geräuschareals". Bei beiden Ideen liegen mit konkreten Projektvorschlägen des Theaters Augsburg (Dokumentartheatergruppe im Stile von "Rimini Protokoll" mit der Aufführung "web & walk") sowie des Projektes "Mehr Musik!" schon realitätsnahe Kooperationsmöglichkeiten vor. Parallel müsste eine Workshopstruktur - die sich an den Erfahrungen des MODULAR-Festivals 2009 orientieren könnte - installiert werden, die dem aktiven Konsum das "Do-It-Yourself" zur Seite stellt.

Vom Laufsteg zur Inszenierung: Festival

Ausgehend von den Möglichkeiten und des Potentials dieser ersten kreativen "Leistungsschau" lässt sich der Stellenwert popkultureller "urban cultures" in der Stadt bestimmen, lässt sich ein Bezug zu den industriehistorischen Attraktivitäten herstellen und ein Szenario entwickeln, das in der Folge in ein echtes "Festival" münden kann. Dieses "Festival" weitet den Kreis der Akteure auf nationale und internationale Kreative aus, bezieht eine Tagung, ein Symposion der "creative cultures" und Vordenker der "creative city" in das Konzept ein und sorgt so für die nationale Reputation. Das Projekt einer mehrtägigen Schau wird formatisiert, erhält einen festeren Rahmen und wird von der lokalen und stark zufälligen Ebene auf ein nächstes Level überführt. Konstanz, Qualität, Strahlkraft und eine entwickelbare thematische Zuspitzung unter Beibehaltung eines genuinen "Szenecharmes" machen aus dem dilatorischen Anfang eine Marke. Künstler und Künstlergruppen auf Einladungsbasis treffen auf dann kuratierte Akteure und Gruppen der lokalen Pop-Szene und spezielle Projekte hochkultureller Partnereinrichtungen. Ein industriekulturelles Ensemble wird bespielt, als Raumtheater und Geräuschfeld inszeniert und möglicherweise über die Localbahn mit einem zweiten interessanten Areal verwoben. Zu fragen wäre, inwiefern dieses "Festival" sich die Strukturen der 2010 anstehenden Landesausstellung zu Nutze machen könnte, ohne vom "feudalen" Charakter dieses Großevents beschädigt zu werden. Ausserdem wäre wichtig die logistische, planerische Einbindung der etablierten Kulturträger, die bei dem Festival eine Plattform für sonst eher gescheute "Experimente" erhalten. Eine inszenatorische Verdichtung popkultureller Akteure und Aktionen, ein inszenierter Dialog von subkulturellen, hochkulturellen und industriehistorischen "Erzählungen" erfordert dann auch eine sichtbare Handschrift. Ein funktionsfähiges Kuratorium aus authentischen Akteuren, prominenten "Türöffnern" und unkonventionell arbeitendem Vordenker/Vordenkerin - allesamt Sympathisanten dieser Symbiose aus Industrie- und Popkultur - muß als Steuerungsgruppe den Weg vom Projekt zum Festival begleiten, kommentieren und lenken. Politischer Geleitschutz muß vom Kulturreferenten und von kulturnahen Fraktionsmitgliedern geleistet werden. Augsburg könnte auf diese Weise ganz praktisch zur Schnittstelle popkultureller Kreativität werden und seinen Modernisierungsprozeß im Sinne von "creative city" selbst steuern ohne seine historische Basis verleugnen zu müssen.

Peter Bommas

 

 

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